#irland2018

10.-16.09. 2018

 

Am Morgen des 10. Septembers 2018 brachen wir aus allen Teilen Hessens und darüber hinaus an den Frankfurter Flughafen auf, um dort gemeinsam in das Abenteuer Irland- bzw. Nordirlandreise einzutauchen. Wir, das sind 17 kurhessische Theologiestudent*innen unter Begleitung von Studienleiterin Maike Westhelle. Bereits vor dem Boarding wurden wir mit landestypischen Spezialitäten verwöhnt und traten guten Mutes den Flug nach Dublin an, der Dank der Zeitverschiebung gerade mal eine Stunde dauerte. In der irischen Hauptstadt angekommen bezogen wir zunächst die Stockbetten des immerhin sehr zentral gelegenen Hostels, wodurch ein wenig Klassenfahrtsgefühl aufkam – nun realisierten wir, dass das Abenteuer gerade erst begonnen hatte. Wenige Stunden später waren wir mit Vikarin Magnusson in der St. Finian’s Church verabredet, einer deutschen lutherischen Gemeinde, wo sie ihr Spezialvikariat (der EKHN) macht. Nach einer kurzen Einführung zu Dublin und dem kirchlichen Leben in Irland allgemein sprachen wir in großer Runde über unsere Erwartungen für die Woche, wo Kultur und Natur, aber auch bereits der Nordirlandkonflikt eine Rolle spielten. Für unsere Abendandacht mit Gesang und Gebet konnten wir sogar die Gottesdiensträume von St. Finian nutzen, wo das typisch irische „Shamrock“-Kleeblatt uns bereits vom Altarparament her grüßte.

Der Abend klang gemütlich in unserem ersten echt irischen Pub aus, wo wir uns voller Vorfreude auf das Kommende das erste Guinness schmecken ließen.

Der folgende Dienstag war ganz der Erkundung Dublins gewidmet. Gemeinsam starteten wir mit einer Morgenandacht vor der St. Patrick’s Cathedral, Irlands größter Kirche. Vorbereitete Referate klärten uns an dieser Stelle über Leben und Glauben der frühen irischen Wandermönche auf. Nach einem Rundgang durch das beeindruckende Gotteshaus ging es direkt weiter zum berühmten Trinity College. Dort besuchten wir die Ausstellung über das Book of Kells, einem einzigartigen, farbenfroh und liebevoll gestalteten, Evangelienbuch aus dem 9. Jahrhundert. Leider wurde die Ausstellung auch von anderen Schaulustigen stark frequentiert. Wir störten uns daran wenig und ließen uns lieber durch die berühmte Long Hall des Colleges führen, welche einen unvergesslichen Anblick bot. Die freie Mittagszeit wurde von uns ganz individuell und verschiedenste Weise genutzt. So besuchten die Einen die Guinness-Brauerei, andere waren zeitgleich in der Christ Church von einer Katze fasziniert, die durch ihr Ableben in einer Orgel mumifiziert worden war.
Nachmittags nahm die Gruppe geschlossen an einer Führung durch das Kilmainham Gaol-Gefängnis teil, in dem viele Anführer des Osteraufstands 1916 exekutiert worden waren. Der Vorplatz, auf dem die Exekutionen stattfanden, aber auch die beengenden Zustände in den kargen, schlecht beleuchteten Zellen und Gängen des Gefängnisses boten ein wahrlich ein Stück Geschichte, deren Wirkung man sich kaum verschließen konnte.
Abends verließen wir die irische Hauptstadt, um in die Nordirische zu kommen. Nach zwei Stunden Busfahrt bestand in Belfast nach der Abendandacht die Möglichkeit früh schlafen zu gehen, oder noch die Pubs der näheren Umgebung zu erkunden.

Unser Tag in Belfast begann mit einem typisch irischen Frühstück im Hostel (sehr fettig und ungewohnt für deutsche Mägen) und einer von Teilnehmern geführten Tour durch die Stadt, bei der wir beispielsweise pantomimisch die bewegte Geschichte des Grand Opera Houses nachspielten. Der Mittag konnte genutzt werden, um die Titanic Werft inklusive des Museums zu besichtigen, oder auch einfach das Victoria Square-Kaufhaus zu erkunden, welches mit seiner Kuppel mit Aussichtsplattform etwas an den Berliner Reichstag erinnerte.

Gemeinsamer Treffpunkt war die St. Ann’s Cathedral, wo wir ein Referat über die Anglikanische Kirche bzw. die Tradition des Evensong-Gottesdienstes hörten. Diese Form ist im englischsprachigen Raum aufgrund ihres Auskommens mit wenigen liturgischen Vorkenntnissen und der für gewöhnlich nachmittäglichen Startzeit sehr beliebt. Dass gerade an diesem Tag leider kein Evensong stattfand konnte uns nicht abschrecken und wir führten uns spontan gegenseitig mithilfe eines Flyers durch die Kirche, wo schließlich doch noch ein kurzes Gebet stattfand. Einige Teilnehmer beschlossen, die Innenstadt Belfasts zu verlassen und die Peace Walls, nun mit eigenen Augen zu sehen, über die wir ebenfalls ein Teilnehmerreferat gehört hatten. Diese (euphemistisch) als „Peace Walls“ bezeichneten Riesen trennen bestimmte, besonders konfessionell geprägte (Wohn-) Gebiete der Stadt nachts von den anderen Teilen ab und sind mit verschiedenen politischen Bildern und Statements geschmückt. Hier konnte man bereits einen ersten Eindruck davon gewinnen, wie aktuell der Konflikt in den Köpfen der Betroffenen noch ist.

Der Abend klang mit einem gemeinsamen Abend im Empire Pub in der Nähe unseres Hostels aus. Ein wahres Highlight, denn quasi alle Teilnehmer*Innen der Reise rieten munter beim Pubquiz mit, bei dem wir unter anderem durch die Lautstärke im Pub nur etwa die Hälfte verstanden. So ging das Team „The Süße Stückchen“ am Ende ohne Preis nach Hause, aber als die Betreiber rausfanden, dass wir aus Deutschland kamen, spielte man immerhin „99 Luftballons“ für uns.

Am Donnerstagmorgen ging es schon früh per Bus tief in den Westen Nordirlands, in die Stadt Derry/Londonderry, wo mit dem „Bloody Sunday“ im Jahre 1972 eine frühe traurige Eskalation des Nordirlandkonfliktes stattgefunden hatte. An jenem Tag im Januar waren 13 Iren von einem britischen Fallschirmregiment erschossen worden, die Opfer waren unbewaffnet und der Schrecken in der Bevölkerung nach der Tat dementsprechend groß. Erst im Jahr 2010 gab die britische Regierung hierzu ein Statement ab, in dem sie die Ereignisse des Blutsonntags als ungerechtfertigt, und damit als Straftat, anerkannte, woraufhin Mordprozesse gegen die Täter eingeleitet wurden. Diese Geschichte konnten wir im „Museum of Free Derry“ nachvollziehen, bei der uns jedoch recht schnell bewusst wurde, dass die dortige Darstellung deutlich in nur eine Richtung der Sichtweise auf das Geschehene gelenkt werden sollte. Dies wurde zusätzlich durch die Vorrede eines Guides verstärkt, dessen Großvater am Blutsonntag getötet worden war. Dementsprechend plastisch und emotional war seine Rede. Letztendlich wird sich jeder selbst vor Ort ein Bild über das Geschehene machen müssen, denn auch durch den anstehenden Brexit kann sich die Lage auf der irischen Insel bald erneut verändern – auch wenn uns niemand der Bewohner mit Sicherheit sagen konnte (oder wollte), in welche Richtung dies geschehen wird

Vor diesem Erlebnis, welches uns für die nächsten Tage der Reise begleitete, machten wir eine Bustour durch die Stadt und verschafften uns einen guten Überblick, indem wir auf der Stadtmauer aus dem 17. Jahrhundert entlang spazierten. Auch hier gab es wieder beeindruckende Kirchenbauten zu erleben, deren Geschichte und Architektur uns durch Referate einer Teilnehmerin nähergebracht wurden.
Beim gemeinsamen Pizzaessen in der Unterkunft reflektierten wir abends noch einmal über das Erlebte, wobei vor allem die Rolle, die Museen allgemein, aber gerade auch in Deutschland, spielen, ein wichtiger Diskussionspunkt war. Sollen Museen neutral Geschichte darstellen? Dürfen sie emotional einseitig beeinflussen? Wer fördert welche Art von Museen?

Nach diesem aufregenden Tag kam am nächsten Morgen direkt ein weiterer Höhepunkt der Reise auf uns zu. In aller Frühe wurden wir von einem Reisebus abgeholt, um nach zwei Stunden Busfahrt durch die wild-romantische Landschaft der nordirischen Küstenregion auf dem Gelände der Corrymeela Peace Community anzukommen. Auf dem Weg konnten wir auch das Können der einheimischen Busfahrer bewundern, die uns mit ihren geschickten Manövern auf engen Landstraßen, kritisch beäugt vom lokalen Weidevieh, etwas sprachlos machten, aber letztendlich in tiefes Staunen versetzten.

Trotz dieser bewegten Tour kamen natürlich auch die obligatorische Morgenandacht und Referate über die politische und wirtschaftliche Lage Nordirlands nicht zu kurz. Kaum angekommen wurden wir von einer amerikanischen Freiwilligen und dem weiteren Team der Community sehr herzlich in Empfang genommen.

Nach einer Stärkung mit Shortbread, Tee und Kaffee führte man uns zunächst über das Gelände, wo durch das Gewächshaus und die vielen Schmetterlingswiesen auffiel, dass die Gemeinschaft durch ihre Naturverbundenheit Gottes Schöpfung ehren und bewahren möchte. Der Blick auf die nahen Steilklippen und eine kleine, vorgelagerte Insel versetzte uns ein weiteres Mal in Staunen, sodass wir uns schnell einig waren, dass hier der perfekte Ort für ein Gruppenfoto sei.

Wir hörten zunächst einen Vortrag über Secterianism und was die Corrymeela-Gemeinschaft dafür tut, um gerade Kindern beizubringen, dass es nicht darauf ankommt „was“ man ist (Herkunft, Hautfarbe, Konfession, Geschlecht…), sondern „wer“ man ist, also etwa wie man andere respektvoll behandelt und lernt, dass Unterschiede normal sind, jedoch nicht zu Ausgrenzung führen müssen. Auch an Rivalitäten unter örtlichen Fußballclubs kann bei dieser Arbeit offenbar fruchtbar angeknüpft werden. Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit allen Menschen in der Community (hierunter auch eine Gruppe Pfarrer der EKHN) sprachen wir mit dem Konflikttheologen Glenn Jordan über Public Theology und die weitere Arbeit der Gemeinschaft, die zur Zeit mit über 2000 Mitarbeitern durch ein Projekt zum Buch Ruth das Thema „Grenzen“ erkundet. Nach dieser anspruchsvollen und tiefgründigen Diskussion (die wir tapfer auf Englisch gemeistert haben!) hörten wir von Pfarrerin Kiran Wimberly noch etwas über die Spiritualität der keltischen Christen, die sehr naturverbunden waren und in deren Leben die Musik bereits eine große Rolle spielte. Und so sangen wir auch direkt von Kiran gesetzte Psalmtexte zu altirischen Melodien (Tipp: Bei Spotify verfügbar!), was ein wunderbarer Ausklang zu diesem lehrreichen Studientag war.] Nach dem deftigen gemeinsamen Abendessen in der Community hatten alle noch einmal Zeit das Gelände zu erkunden und schließlich traten wir die Heimfahrt nach Derry/Londonderry an.

Unverhofft war es schon Samstag, der letzte Tag vor der Heimreise. Morgens konnten wir die Stadt nochmals nach eigener Schwerpunktlegung erkunden und die letzten Pounds ausgeben, was beispielsweise im Craft Village und den lokalen Bäckereien kein Problem darstellte. Nach einem schnellen Abschluss-Selfie auf der Peace Bridge stand nun eine vierstündige Fernbustour quer über die Insel an, die uns wieder an den Startpunkt unserer Reise - Dublin - brachte. Nach dem katholischen Komplet lud der letzte gemeinsame Abend im Pub zu abschließenden Reflexionen, aber natürlich auch gutem Essen und Gesprächen ein. Nach einem Spaziergang durch die Feiermeile „Temple Bar“ wurde die letzte Nacht in der schlichten Abbey Court Accomodation eingeläutet. Über den Sonntag gibt es (glücklicherweise) wenig zu berichten. Um sechs Uhr machten wir uns auf zum Flughafen, hatten eine letzte Gelegenheit, um auf die irische Weise zu Frühstücken und Whiskey im Duty-free-Bereich zu erstehen, bevor wir dann den Heimflug nach Deutschland antraten. Hier wurde nicht mehr viel gesprochen, denn jeder und jede dachte zufrieden (und abgespannt) über diese lehrreiche, spaßige und unvergessliche Woche nach. Wir möchten an dieser Stelle besonders der Kirche von Kurhessen-Waldeck danken, die uns dieses Erlebnis zu studentischen Konditionen ermöglicht hat, und auch Maike Westhelle, die unsere Truppe tapfer und frohen Mutes durch sechs Tage auf der irischen Insel geleitet hat. Wir alle freuen uns bereits auf die nächste Studienreise und sind schon voller Ideen dafür, wo uns diese hinführen kann!

Lena Elsässer und Christopher Beer, für die Studierenden der EKKW-Studienreise, Sep.‘18