Aus dem Konvent

 

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Beten mit Soldaten und andere Erfahrungen mit der Militärseelsorge

 Philipp Huber, den 10. Oktober 2016

 

Wie läuft eigentlich ein Erntedankgottesdienst bei der Bundeswehr ab? Das ist eine Frage, mit der sich sicher recht wenige Theologiestudierende während ihres Theologiestudiums beschäftigen und die später im Pfarramt eher selten bis gar nicht vorkommt. Die Antwort ist aber erstaunlich einfach: Ganz normal eigentlich.

Die Beantwortung meiner Frage, die ich mir bereits seit März letzten Jahres durch eine Tagung unserer Landeskirche zum Thema „Gerechter Krieg, Gerechter Frieden“ stellte, fand ich im Laufe eines vierwöchigen Praktikums beim Militärpfarramt am Bundeswehrstandort in Fritzlar.

In diesen Wochen durfte ich den Alltag meines Mentors und Militärpfarrers Harald Aschenbrenner vor Ort miterleben und mir selber ein Bild vom Pfarrberuf in diesem speziellen Umfeld mit seinen ganz eigenen Herausforderungen und Voraussetzungen machen. Die Aufgaben eines/einer Militärpfarrer_in sind dabei im Grunde genommen dieselben wie die eines Gemeindepfarrers: Gottesdienste veranstalten, Kasualien vornehmen und in besonderem Maße das Führen von Seelsorgegesprächen. Die seelsorgerliche Begleitung der Soldat_innen ist die Hauptaufgabe der Militärpfarrer an den jeweiligen Standorten. Hierfür kann der/die Pfarrer_in auf eine große Menge an Ressourcen und Möglichkeiten zurückgreifen, die ihm den Zugang zur Lebensrealität der Soldat_innen erleichtert und auch für die Angehörigen des Militärs selbst den nötigen Raum und die Sicherheit bietet sich bei Problemen und Anliegen an den/die Militärpfarrer_in zu wenden. Dazu gehören natürlich das Angebot der individuellen Seelsorge, aber auch besondere Angebote wie der für Soldat_innen obligatorische lebenskundliche Unterricht (LKU), der ethische Hilfestellungen und weltanschauliche Informationen zu unterschiedlichen Themen anbietet.

Ein großes Highlight während meines Praktikums war die Teilnahme an einer der von der Militärseelsorge organisierten Soldatenrüstzeiten im Allgäu mit den Soldaten des Standorts Rennerod, die Herr Aschenbrenner in meiner Praktikumszeit spontan eingerichtet hat. Für die Rüstzeiten können sich die Soldat_innen von ihrem Kompaniefeldwebel sogar bis zu 5 Tage Sonderurlaub genehmigt lassen, was eine informelle Kontaktaufnahme und ein Kennenlernen zwischen Seelsorger_in und Soldat_innen enorm begünstigen kann. Vor allem der Spaß beim Wandern und Klettern und die Kameradschaft unter den Soldaten waren für mich die prägendsten Erfahrungen während der Rüstzeit und erneut wurde mein Eindruck vom ersten Tag des Praktikums bestätigt, dass Soldaten eigentlich ganz normale Menschen sind. Das Tragen von ziviler Kleidung und auch die abendlichen Gespräche führten dazu, dass eine lockere Atmosphäre herrschte und die Soldat_innen frei vom militärischen Dienst einfach Mensch sein konnten. Auch die Möglichkeit der individuellen Seelsorge wurde bei Pfarrer Aschenbrenner viel genutzt und so konnte einiges angesprochen werden, was vielleicht im normalen Dienstalltag auf der Strecke bleibt.

              

 Pfarrer Aschenbrenner und ich auf dem Berg Aggenstein im Allgäu während der Soldatenrüstzeit

Enorm wertvoll für mich war während des Praktikums auch die Erkenntnis, dass Kirche in der Bundeswehr abseits von Dienstgraden und Arbeitsbestimmungen einen Lebenshorizont eröffnen kann, der den Menschen nicht nur als Ressource, sondern als eigenständiges Individuum wahrnimmt. Ein positiver Gesichtspunkt ist auch, dass der/die Pfarrer_in als Vertreter_in der Kirche auch mit Menschen in Kontakt treten kann, die bisher wenig oder gar nichts mit Kirche zu tun haben. Für die Arbeit als Militärpfarrer_in ist dabei angeraten, sich auf die eigene Welt des Militärs einzulassen und in die Bedürfnisse und Nöte der Soldat_innen einfühlen zu können. Eigene Erfahrung mit der Bundeswehr in Form des Wehrdiensts ist empfehlenswert, jedoch für den Beruf des Militärpfarrers nicht zwingend notwendig. Viele Soldat_innen schätzen es, dass der/die Militärpfarrer_in eine Perspektive außerhalb des Militärs in ihren Berufsalltag einbringt und nicht Teil der militärischen Hierarchie ist.

In vielen Situationen konnte ich miterleben wie Pfarrer Aschenbrenner diese Perspektive von außen in seelsorgerlichen Gesprächen stark macht und versucht den Menschen und seine persönlichen Bedürfnisse hinter seiner Funktion als Soldat_in wahrnehmbar zu machen. Ich war dabei positiv überrascht mit wieviel Wertschätzung und Offenheit die meisten Mitarbeitenden der Bundeswehr die Einschätzungen von Pfarrer Aschenbrenner in bestimmten Angelegenheiten aufnahmen. So auch im Erntedankgottesdienst am letzten Mittwoch.

Mit Freunde nahmen sich auch viele junge Soldat_innen an diesem Mittwoch um drei Uhr nachmittags frei, um zu singen und der Predigt des Pfarrers zuzuhören. Anlässlich des Erntedankgottesdienstes ging es darum das Positive des Lebens mit einer Perspektive der Dankbarkeit anzunehmen und auch in den kleinen Dingen das Schöne und Wertvolle zu entdecken. So wie bei vielen anderen Erntedankgottesdiensten. Anders waren nur die kürzere Dauer des Gottesdienstes und das etwas verschüchterte tiefe Murmeln der Lieder aus dem „Lebensrhythmen“ genannten Militärgesangbuch der vorwiegend männlichen Soldat_innen. Das gemeinsame Kirchenkaffee im Anschluss ließ sich dann keiner der Soldat_innen nehmen und bei einem leckeren Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee konnten sich die Gottesdienstbesucher anregend über Gott und die Welt austauschen.  

 

 

An dem Freitag darauf musste ich auch leider von meiner Praktikumsstelle bei der Bundeswehr Abschied nehmen. Die vier Wochen gingen für mich viel zu schnell vorüber und ich hätte gerne noch viele anderen Dinge wie zum Beispiel eine Truppenübung gesehen. Ich bin aber sehr dankbar, dass mich Pfarrer Aschenbrenner und die Pfarrhelferin Claudia Ullrich freundlich und offen aufgenommen und integriert haben. Ich habe viel gelernt und kann allen Theologiestudierenden und angehenden Pfarrer_innen empfehlen, ein Praktikum beim Militärpfarramt zu machen. Mir wurde durch das Praktikum stärker bewusst wie vielseitig Kirche und der Dienst am Nächsten sein kann und dass Kirche mit ihrer Botschaft an jedem Ort viel bewirken kann.

Wer sich vorstellen kann selbst ein Praktikum bei der Militärseelsorge zu machen, dem ist die Homepage der Evangelischen Militärseelsorge empfohlen.
Infos findet ihr unter: 
http://www.eka.militaerseelsorge.bundeswehr.de/portal/a/eka

 


 

 Studienfahrt des Landeskonvents nach Rom im September 2017 

von Jelena Sohn und Hannah Franke

 

Blick über die "Ewige Stadt"

Vom 31.08.2016 bis 05.09.2016 haben 16 unternehmungslustige Studierende unserer Landeskirche eine wunderschöne, eindrucksreiche Fahrt in die Hauptstadt unserer Schwester und Brüder im Glauben in Begleitung von Herr Dr. Neumann und Herr Meier unternommen.

Los ging’s am Mittwoch von Frankfurt am Main in Richtung Rom. Dort angekommen wurden wir von leichtem Nieselregen empfangen. Vom Flughafen sind wir dann mit dem Shuttlebus zu unserer Unterkunft, der Casa Valdese, gefahren, in der wir nun die nächsten Tage unterkamen. Im Laufe der Tage sollte sie sich mit ihren Doppelzimmern, Klimaanlagen, ausreichendem Frühstücksbuffet und sehr freundlichem Personal als richtiger Glücksgriff erweisen. Auch das Wetter hatte sich mittlerweile für strahlend blauen Himmel und Sonne satt entschieden. Vor allem durch die sehr zentrale Lage kam uns die Casa Valdese bereits am Nachmittag zu Gute. Nach einer kurzen Stärkung ging es zu Fuß über den Piazza del Popolo durch das nördliche Centro Storicio in Richtung Engelsbrücke. Schnell haben wir gemerkt, dass die nächsten Tage lauftechnisch kein Zuckerschlecken werden, sodass wir vorsorglich direkt das erste italienische Eis probiert haben – prompt waren wir verliebt. Schnell wurden Elisabeth und André, die ein Jahr am Centrum Melantone in Rom studiert haben, unsere persönlichen Reiseführer. Durch sie konnte der Rest der Gruppe eine unglaublich entspannte und eindrucksreiche Zeit in einer der imposantesten Städte Europas erleben.

Am nächsten Morgen sind wir mit einer gemeinsamen Andacht in den ersten ganzen Tag in Rom gestartet. Als kleines I-Tüpfelchen haben wir die allerdings nicht wie gewöhnlich in Andachts- oder Gottesdiensträumen gestaltet, sondern unter freiem Himmel auf der Dachterrasse der Casa Valdese. Allein dafür hatte sich das Aufstehen schon mehr als gelohnt.

Als erster Termin auf unserem Tagesprogramm stand das Treffen mit Signora Brizi. Uns wurde das Flüchtlingsprogramm „Mediterranean Hope“ vorgestellt. Die überwiegend selbstorganisierte Hilfe, die den Menschen nicht nur in Italien, sondern in den Krisengebieten direkt vor Ort zu Gute kommt, hat uns schwer beeindruckt. Nachmittags haben wir unter dem Motto „das antiklerikale Rom“ eine Stadtführung mit Herrn Garrone unternommen. Die heilige Treppe und der Lateran, sowie die süße kleine Kirche neben dem Forum (St. Cosma e Damiano), der Lutherplatz und St. Maria Maggiore haben wir uns angesehen. Danach ging es mit Besichtigungen im Lutherpark weiter. Dort konnten wir einen ersten Blick aufs Kolosseum erhaschen, sind aber weiter, am Forum vorbei, zur kleinen Basilika und dann in die Kirche mit dem gehörnten Moses, weiter zur heiligen Treppe und dann 15 min in den Lateran! Man merkt, das Leben als Theologiestudierender in der EKKW ist wirklich kein Zuckerschlecken. ;)

Nach einem Gespräch mit dem Leiter des Centro Melantone Pfarrer Tobias Küenzlen, der uns Auskunft über Struktur und Aufbau des Studienjahrs in Rom gab, haben wir am „offenen Pfarrhaus“ in der deutschen ev.-luth. Gemeinde teilgenommen. Bei leckerem Essen und einem Glas Wein haben wir uns mit deutschen Auswanderern über ihr Leben und „Evangelisch-Sein“ in Rom unterhalten. Wir sind dann nicht allzu spät aufgebrochen, weil es bereits am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück um 7:00 in den Petersdom ging. Neben dem Petersdom haben wir auch dessen Kuppel und sein beeindruckendes Kuppelmosaik besichtigt. Danach waren wir noch auf dem deutschen Friedhof im Vatikan, der überraschend kühl, grün und mit Kolibris besiedelt war.

 

Blick von der Kuppel des Petersdoms auf den Petersplatz

Nachmittags erkundeten wir das Pantheon, Maria sopre Minerva (die gotische Kirche, vor der der Elefanten-Obelisk stand, daneben die Läden mit den teuren Messgewändern), dann das Judenviertel und die Tiberinsel mit ihrem Schlangenmythos (Es ging um die Herkunft des Äskulapstabes, weil dort das erst medizinische Zentrum stand...).

Abends waren wir zu einem Gespräch mit anschließendem Abendessen bei der Comunitá Sant’Egidio in Trastevere verabredet. Wir haben die Einrichtung der Mensa für Obdachlose und Bedürftige kennengelernt und in einem anschließenden Gespräch durften wir noch mehr Einblicke in die Gemeinschaft, ihre Strukturen und ihr soziales Engagement erfahren. Nach dem Abendgebet in Santa Maria haben wir noch gemeinsam (in einem Restaurant der Comunitá di Sant ́Egidio) zu Abend gegessen. Die Besonderheit dabei war, dass die Bedienung aus geistig leicht Beeinträchtigten aber äußerst freundlichen und gutaufgelegten Angestellten bestand.

Nach der Morgenandacht am Samstag haben wir uns mit Frau Cafiero, einer gebürtigen Italienerin mit guten Deutschkenntnissen getroffen, die uns das unbekannte Rom zeigen sollte. Nach einem längeren Spaziergang haben wir nun auch die Busverhältnisse in Rom kennengelernt – eigentlich wollten wir noch die Katakomben besichtigen, nur dass gerade an diesem Tag von dieser Bushaltestelle längere Zeit kein Bus fahren sollte. Die Katakomben waren für diesen Tag also passé. Allerdings haben einige von uns am nächsten Tag, als Zeit zur freien Verfügung stand, den Besuch der Katakomben nachgeholt. Wir sind stattdessen auf einen der sieben Hügel oberhalb des Circus Maximus gestiegen und haben in St. Sabrina (mit der alten Eichentür) vorbeigeschaut, um danach durch das berühmteste Schlüsselloch der Welt auf den Petersdom zu schauen. Zuletzt waren wir dann noch an St. Pauli (oder auch Sankt Paul vor den Mauern – außerhalb der Kernstadt, das war die Kirche, in der von jedem Papst ein Portrait hing, und wo wir damals während Nellys Referat über die Katakomben vermuteten, dass der Papst gerade gekommen sei, weil der Fiat zwischen den anrollenden Limos so verdächtig aussah), danach ließen wir den Abend ausklingen.

 

Blick durch das Schlüsselloch auf die Kuppel des Petersdoms

Am nächsten Vormittag stand die Heiligsprechung Mutter Teresas auf dem Programm. Einige Mutige haben sich getraut, sich der prallen Sonne bei an die vierzig Grad mit vielen anderen Mutter-Teresa-Fans auszusetzen, um neben der Heiligsprechung auch einen Blick auf Papst Franziskus zu erhaschen. Am Ende der Zeremonie sollten sich die Mühen auszahlen und der Papst fuhr auf seinem Papamobil so dicht vorbei, dass sogar ein Selfie möglich wurde. Der restliche Tag wurde vielfältig und selbstorganisiert genutzt. Einige schauten sich die Katakomben an, andere das historische Rom mit Kolosseum und Forum Romanum, wieder andere machten einen entspannten Spaziergang und schauten, wohin es sie trieb. Abends haben wir uns dann alle gemeinsam zu unserem letzten gemeinsamen Abendessen in Rom getroffen, die letzten Tage Revue passieren lassen und schon die ein oder andere Wehmut in Hinblick auf die am nächsten Tag anstehende Heimreise verspürt. Doch bevor es am nächsten Morgen Richtung Flughafen ging, haben wir erst noch ein Gespräch mit Monsingore Dr. Gomez vom Einheitsrat des Vatikans geführt. Wir durften die uns gut bekannten Stichwörter Ökumene und Einheit der Christen nun einmal aus katholischer Sicht erleben. Anschließend mussten wir uns dann von dem eindrucksreichen, an manchen Stellen verwunschenen Rom mit seinem leckeren Essen und tollem Wetter verabschieden, denn um 15:35 ging unser Flug in Richtung Frankfurt.

Am Ende bleibt nur noch festzuhalten, dass es eine grandiose, tolle Zeit war, die wir so schnell nicht vergessen werden. Wir haben bei Weitem nicht alles gesehen – aber Rom ist eben auch nicht an einem Tag erbaut und so wird das Reiseziel in den nächsten Jahren für den ein oder anderen wahrscheinlich doch noch einmal die italienische Hauptstadt werden.

An dieser Stelle danken wir dem ganzen Vorbereitungsteam, der Leitung und Organisation von Herrn Neumann und ganz besonders nochmal Elisabeth und André für ihre tollen Stadtführungen und Insidertipps. Aber natürlich auch last but not least der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, die durch reichlich Unterstützung die Reise zu einem studierendenfreundlichen Selbstkostenpreis ermöglicht hat. 

 

Viele Grüße aus Rom!

 


 

Studieren und leben an den Hügeln Jerusalems

 von Philipp Huber

Aufbruch

Ein Junimontag in Jerusalem. Meine Mitbewohnerin und ich müssen heute schon um halb 7 aufstehen. Früher als sonst, weil unsere übliche Hebräisch-Stunde an der Hebräischen Universität diesmal zu Hause bei unserer Hebräisch-Lehrerin in der Kleinstadt Mevaseret Zion stattfindet und wir einen Bus dorthin nehmen müssen. Von unserer großen Wohnung in Ost-Jerusalem nur 20 Minuten zu Fuß von der Altstadt und der Hebräischen Universität entfernt, machen wir uns mit der Straßenbahn zur Central Bus Station in Jerusalem, von der wir einen Bus zum Wohnort unserer Lehrerin nehmen. Zum Abschluss des Semesters hat unsere Lehrerin nochmal alle Studierenden eingeladen, die momentan den Kurs in der letzten von insgesamt sechs Sprachstufen in der „Rama (Level) Waw“ besuchen. Unter den Studierenden finden sich Angehörige verschiedenster Nationen. Darunter aus den USA, Großbritannien, Spanien, Tschechien, China und Palästina, was die Ausrichtung der Hebräischen Universität besonders international und dadurch wesentlicher interessanter und vielfältiger macht.  

Ein vielfältiges Programm

Letztes Jahr bin ich Ende Juli mit 13 anderen Theologiestudierenden aus allen Landeskirchen Deutschlands und auch der katholischen Kirche nach Jerusalem gekommen, um am Mount Scopus in Jerusalem Judaistik zu studieren. Zu unserem Programm gehören obligatorisch das Erlernen der modernhebräischen Sprache und die Teilnahme in einem Talmud-Kurs, der sich über das gesamte Jahr erstreckt. Dazu gehört auch ein umfangreiches Begleitprogramm, bei dem wir uns jede Woche einmal als Gruppe für Vorträge, Studientage und Ausflüge treffen, die weitere Einblicke in die jüdische Religion und die israelische Gesellschaft in all ihrer Vielfalt geben. Auch zwei Blockseminare in den Semesterferien mit Dozent_Innen aus Deutschland und zwei längere Exkursionen innerhalb Israels sind Teil dieses Studienjahrs, was sich nun plötzlich sehr schnell und zügig dem Ende neigt... 

Auf die Hügel von Jerusalem schauen

Nachdem alle Teilnehmer_Innen des Sprachkurses eingetroffen sind bekommen wir eine Führung durch den Garten und auf das Flachdach des Hauses unserer Sprachlehrerin, wo wir einen traumhaften Blick auf die Berge von Jerusalem haben. Dort hören wir auch einen kleinen historischen Vortrag über die umliegende Gegend, die sich vor unseren Augen erhebt. Durch alle Zeiten haben hier viele Menschen Häuser, Siedlungen, Kirchen und sogar Festungen gebaut. Auf dem einen Berg sehen wir eine alte Festung aus der Kreuzfahrerzeit, die „Castel“ genannt wird. Weiter links einen Stützpunkt der israelischen Armee, unten im Tal alte Häuser, in denen arabische Familien gewohnt haben, die während des Unabhängigkeitskrieges ihre Häuser verlassen mussten und direkt geradeaus vor uns die Franziskaner-Kirche in Ein Kerem, die der byzantinischen Überlieferung nach auf dem Ort gebaut wurde, wo Johannes der Täufer geboren worden sein soll. Einmal mehr erinnert mich Israel an diesem Sommermorgen daran, dass man kaum einen Fuß auf diesem Land setzen kann, ohne dass man dabei auf bedeutende Spuren der Weltgeschichte zu stößt. Nebenbei erwähnt unsere Lehrerin, dass in ihrer Nachbarschaft auch David Grossman lebt, der neben Amos Oz einer der ganz großen Schriftsteller des heutigen Israels.  

Heimat

Als Aufgabe für unsere Hebräisch-Stunde sollten alle Studierenden des Sprachkurses einen Spruch, ein Lied oder ein Gedicht ihres Heimatlandes auf Hebräisch übersetzen und den Inhalt davon vortragen und erklären. So bekommt jeder von uns auch die Mentalität und Bräuche der verschiedenen Heimatländer mit, aus denen wir Studierenden kommen. Ich setze mich in humorvoller Art über die deutsche Arbeitsmoral mit Hilfe der Lebensweisheit „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ auseinander und frage auch im Gespräch mit den anderen, ob dies ein elementarer Ausdruck deutscher Mentalität sei. Da unsere Sprachlehrerin als Studentin früher auch Philosophie und Geschichte studiert hat, bekommen wir von ihr zu allen unserer Vorträge bei Häppchen und gekühlten Getränken interessante und erhellende Ergänzungen zu unseren Themen. Als kleines Geschenk bekommt jeder der Studierenden zum Abschied ein von unserer Lehrerin selbst gebasteltes Lesezeichen geschenkt, auf dem auf Hebräisch steht: „Hier, dort und an jedem Ort – möge sich dir jeder Traum erfüllen, mögest du für dich in dem Weg wandeln, um etwas Wertvolles zu tun.“

Philosophie

Der Tag ist aber noch nicht vorbei und mit ein paar von meinen Kommilitonen fahre ich mit dem Bus direkt zur Uni, weil ich heute weitere Veranstaltungen habe. Nach einem entspannten Mittagessen mit zwei amerikanischen und einem tschechischen Kollegen aus meinem Sprachkurs muss ich wieder um halb 3 zu meiner nächsten Lehrveranstaltung. Diesmal ist es das letzte Treffen unseres Seminars zu Franz Rosenzweigs „Stern der Erlösung“, welches als eines von wenigen philosophischen Schriften das Verhältnis von Christen und Juden als elementarer Bestandteil seiner Philosophie ansieht. Wir besprechen diesmal das letzte Kapitel des Buches und einer der Studierenden hält einen Vortrag zu dem Thema wie die Wahrheit und damit auch der Weg zur Erlösung zu realisieren ist, an dem Christen und Juden beide gemeinsam nach Rosenzweig auf ihre jeweilige Art und Weise zusammenarbeiten. Unser Dozent, der erst seit einem Jahr als Professor an der Hebräischen Universität arbeitet, war erstaunt über die hohe Motivation und die auch für ihn herausfordernden Fragen der gesamten Teilnehmenden des Kurses. Er freut sich schon auf die kommenden Seminararbeiten, die ganz sicher Rosenzweigs umfangreichem Hauptwerk neue interessante Gedanken abgewinnen werden. 

Die „Reparatur“ der Welt

Nach einer halbstündigen Pause geht es dann um halb 5 weiter mit dem obligatorischen Talmud-Kurs, an dem jeder Studierende von Studium in Israel teilnehmen muss. In diesem Semester besprechen wir das Traktat „Gittin“, das sich hauptsächlich mit dem rabbinischen Scheidungsrecht beschäftigt. Wir treten aber an dieses Thema mit dem Fokus auf die „Tikun Olam“ heran, der „Reparatur bzw. Wiederherstellung der Welt“, die mit Hilfe von guten Taten die Trennung des jüdischen Volkes von der „Schechina“, der Präsenz Gottes im Tempel, überwinden soll. Und weil auch die Klärung und das Ordnen der (ehelichen) Beziehungsverhältnisse zwischen Mann und Frau zur „Tikun Olam“ gehören, wird das Thema daher in diesem Traktat behandelt. Heute setzen wir das Thema weiter fort mit dem Bericht über die Eroberung und Zerstörung des zweiten Tempels, in dem die weisen Rabbiner im 6. Jahrhundert die schon um 200 in der Mischna bereits schriftliche fixierte theologische Diskussion um die Beweggründe und Folgen der Zerstörung weiterdenken und weitere Hinzufügungen zur Diskussion vornehmen. Da bei diesem auch für das heutige Judentum einschneidenden und traumatischen Ereignis die „Schechina“ Gottes verloren gegangen ist, spielt die Vernichtung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 n. Chr. eine große Rolle, wenn es um die „Tikun Olam“ geht, die auf eine Rückkehr zur früheren Gottesbeziehung abzielt. Zum Abschluss unserer Einheit behandeln wir den Epilog zur rabbinischen Erzählung über die Zerstörung des Tempels. Die Rabbiner fragen in diesem Epilog, warum Gott scheinbar nicht auf diese Tragödie reagiert und den Mantel des Schweigens über die Ereignisse gelegt hat. Eine Antwort darauf finden die Rabbiner in der Erzählung über das weitere Schicksal des römischen Kaisers Titus, der Jerusalem 70 n. Chr. zusammen mit seinem Vater Vespasian eroberte. Als dieser nämlich nach seinem Sieg mit einem Schiff die geraubten Geräte des zweiten Tempels nach Rom transportieren will und es zu einem Sturm auf See kommt, fordert Titus Gott heraus. Da der Gott der Juden ihm als einer bekannt war, der Herrscher wie den Pharao mit Hilfe von Wasser vernichtet, fordert Titus ihn dazu auf seine Macht auch auf dem Land unter Beweis zu stellen. Gott nimmt ohne Zögern die Herausforderung des Kaisers an und verspricht ihm, dass er sogar mit Hilfe des kleinsten Geschöpfs auf dem Festland seine Rache an diesem vollziehen kann: einer Mücke. Diese Mücke kletterte nach Vespasians Ankunft auf dem Festland in dessen Gehirn und bohrte dort 7 Jahre in dieses hinein, bis der römische Kaiser starb. Als man den Kopf des Leichnams Vespasians öffnete hatte sich die Mücke die Größe einer Schwalbe angefressen.

Die fantasievolle und deftige Strafe Gottes zeigt nach der rabbinischen Auffassung, dass Gott trotz des Verlustes des Tempels als seiner früheren Heimat weiterhin in der Welt seinen Einfluss ausübt und das Schicksal seines Volkes nicht vergessen hat. In einer anderen Erzählung zeigen die Rabbinen z.B. anhand einer Vision vom Heidenpropheten Bileam in der Totenwelt, dass die Feinde Israels für ihre Taten spätestens in der Totenwelt von Gott gerichtet werden. Hier zeigt sich nochmal der aus der Hebräischen Bibel besonders bekannte Tun-Ergehen-Zusammenhang, der Gott in Bezug auf das Geschehen in der Welt das letzte Urteil sprechen lässt und den Mächtigen der Welt für deren Missetaten zumindest im Jenseits eine rechte Strafe zuführt. Für unsere deutsche Gruppe im Kurs war es jedenfalls sehr spannend zu sehen, wie sich im rabbinischen Judentum die Art des Diskurses um ein bestimmtes Thema gestaltet. Und auch das Eintauchen in Themen wie die Tikun Olam, könnten für Christen ebenso wertvolle theologische Einsichten bei der Beschäftigung mit dem Begriff der Erlösung ermöglichen.

Abendreflexionen

Nach Talmud ist mein Uni-Tag um 6 Uhr abends zu Ende. Weil nächste Woche meine letzte Prüfung in Hebräisch ansteht, beschließe ich noch eine Lerneinheit für die Hebräisch-Prüfung einzulegen. Müde, aber erfüllt von faszinierenden und zum Weiterdenken anregenden Eindrücken gehe ich danach den Mount Scopus hinunter und freue mich die kühleren Temperaturen genießen zu können, die in Jerusalem die Hitze des Tages gut verträglich machen. Auf dem Weg nach Hause in das arabische Viertel sehe ich wieder das bunte Treiben auf den Straßen, weil es wieder Nacht geworden ist. Die Muslime im Viertel sind jetzt alle auf den Beinen um einzukaufen und oder vielleicht Mahlzeiten in Restaurants einzunehmen, da wie in jeder Nacht des Ramadans seit dem 6. Juni das Fastenbrechen anfängt. Zu Hause angekommen denke ich darüber nach, was ich morgen noch für spannende Dinge in Jerusalem machen könnte. Am Dienstag findet ein Vortrag in der Erlöserkirche über die Bewahrung des wackligen Friedens auf dem Tempelberg statt, bei dem ein israelischer Experte des Konfliktes uns sicher aufschlussreiche Informationen über die Auseinandersetzungen um diese heilige Stätte geben wird. Oder ich treffe mich morgen mit einigen meiner internationalen oder israelischen Kommilitonen in einer der Kneipen in der Yafo Street und bessere so meine Hebräisch-Kenntnisse im Sprechen auf. Einmal mehr erkenne ich, dass Jerusalem und das Land Israel jedenfalls unglaublich viele Möglichkeiten zu bieten hat und ich bin froh, dass ich die großartige Möglichkeit habe in Israel studieren zu können und jeden Tag etwas Neues von der Kultur, den Religionen und der gesamten israelisch-palästinensischen Gesellschaft mit all ihren Vorzügen und Problemen erfahren zu können. Ich freue mich, dass ich jetzt noch das Studienjahr erlebe und ich weiß, dass ich nicht nur als Student der evangelischen Theologie sowohl bestätigt als auch positiv herausgefordert in meiner Studienwahl und meinem Glauben aus diesem Jahr herauskommen werde. Ich habe auch persönlich viele wertvolle Erfahrungen gemacht und Menschen kennengelernt, die mich sicher noch mein ganzes Leben weiter prägen werden.

 

   

 

 

 

 


 

Zu Gast in Eisenstadt: Verleihung des Hochschulpreises des Ev. Bundes Hessen

von Johanna Hestermann und André Flimm

„Heimat. Verloren — verklärt — verfremdet“. Dies war das Thema der diesjährigen Studientagung, die der Evangelische Bund Hessen seit einigen Jahren in freundschaftlicher Verbundenheit mit dem Evangelischen Bund Österreich veranstaltet. So führte uns der Weg von Frankfurt aus quer durch Deutschland und Österreich bis nach Eisenstadt, der Hauptstadt des Burgenlandes. Für das gewählte Thema ist diese Gegend prädestiniert, weil sie zum einen als Grenzland durch eine reiche Geschichte des Zusammenlebens verschiedenster kultureller Gruppen geprägt ist, zum anderen im vergangenen Herbst der Anlaufpunkt vieler Flüchtender wurde. Eingebettet in den thematischen Rahmen ist stets die Verleihung des Hochschulpreises des Evangelischen Bundes Hessen, bei dem in diesem Jahr zum ersten Mal auch kurhessische Studierende ihre Arbeiten einreichen konnten. Dass gleich beide Preise nach Kurhessen gehen, ist eine schöne Nebensache.

So stiegen wir also gespannt auf die vielen Begegnungen und einigermaßen aufgeregt vor der Preisverleihung, bei der wir unsere Arbeiten in einem Vortrag vorstellen sollten, am 10.03. in den Zug, um wenige Stunden später in einem ersten Gang die Sehenswürdigkeiten Eisenstadts zu erkunden. Bekannt ist die Stadt vor allem als Wirkungsstätte Joseph Haydns — eine Tatsache, der man hier überall begegnet. Sehenswert ist neben dem Schloss Esterházy mit dem schönen Schlosspark das jüdische Viertel mit seinem alten Friedhof, auf dem der älteste Grabstein ins Jahr 1679 datiert.

Von der Tagung selbst könnte viel berichtet werden. Die vielen Gespräche mit den Teilnehmenden aus Österreich, die dort seit jeher eine Minderheit darstellen, waren sehr lehrreich, um über die eigene begrenzte Perspektive hinaus zu schauen. Zudem trafen hier ganz unterschiedliche Generationen aufeinander, was gerade im Hinblick auf das Thema Heimat zu einem fruchtbaren Austausch führte. Auch die Geselligkeit kam natürlich nicht zu kurz, sei es der unterhaltsame Vortrag regionaler Lieder, sei es die Weinprobe mit Weinen aus dem Burgenland.

Der aufregendste Teil der Tagung war für uns sicherlich der Freitagabend, an dem der Hochschulpreis verliehen wurde. Den Befürchtungen zum Trotz verlief alles glatt, die Teilnehmenden hörten unseren Vorträgen gespannt zu, sodass sich nach dem offiziellen Teil noch angeregt über das Vorgetragene unterhalten wurde.

Nach drei aufregenden, spannenden und schönen Tagen traten wir am 13.03. die Heimreise an. Aus Eisenstadt nehmen wir viele Anregungen und Denkanstöße mit. Heimat ist ebenso unselbstverständlich wie unterschiedlich, daher ist es umso ertragreicher, sich immer wieder mit Menschen verschiedenster Regionen, Kulturen und Generationen darüber auszutauschen. Auf diesem Wege bedanken wir uns herzlich beim Evangelischen Bund Hessen für die Chance, die er Studierenden mit der Verleihung des Hochschulpreises ermöglicht, ihre Gedanken auch über den Kontext von Seminararbeiten hinaus zu erproben.

  

   

 

 

 

  


 

Junger Theologe aus Kurhessen-Waldeck erhält Bundesverdiestorden 

Berlin/Marburg – Für sein vielfältiges ehrenamtliches Engagement wurde Thorsten Marco Kirschner am 5. Juni 2015 in Berlin von Bundespräsident Joachim Gauck ausgezeichnet: Zusammen mit 23 anderen jungen Menschen erhielt der 34jährige Theologe den Bundesverdienstorden im Rahmen einer Feierstunde im Schloss Bellevue. Lobend erwähnt wurde hierbei unter anderem Kirschners Tätigkeit als Vorsitzender des Landeskonventes der Theologiestudierenden der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW). Darüber hinaus engagierte sich der 2012 ordinierte kurhessische Pfarrer im Koordinationsteam der jungen Ökumeniker von More Ecumenical Empowerment Together (MEET) sowie im Jungen Trialog der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und ist Ehrenamtlicher Beauftragter für den Dialog mit den politischen Jugendverbänden beim Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Derzeit promoviert Thorsten Marco Kirschner als Stipendiat der EKKW beim Hans-von-Soden-Institut in Marburg. 

Text: Johannes Meier, Referent für theologische Nachwuchsgewinnung

Der kurhessische Pfarrer und ehemalige Vorsitzende des Landeskonvents der Theologiestudierenden der EKKW Thorsten Marco Kirschner mit Daniela Schadt, der Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck.

  


 

Teilnahme am Global Ecumenical Theological Institute (GETI)

von Johanna Hestermann

Im Herbst 2013 habe ich als Studierende der EKKW an der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) in Busan/Korea teilgenommen. Ich war dort nicht als Delegierte, sondern als Teilnehmerin des sog. GETI, einem akademischen Begleitprogramm zur Vollversammlung. Etwa 200 Studierende, Promovierende und Postdocs aus 60 Ländern und 80 Denominationen haben an GETI teilgenommen. In der Woche vor der Vollversammlung sind wir bereits in Seoul zusammengekommen und haben uns in Vorlesungen und Seminaren mit der Theologie und Geschichte der Gastregion beschäftigt und uns ausgetauscht. Auch während der ÖRK-Vollversammlung hatten wir weiterhin unser eigenes akademisches Programm zu ökumenischen Themen, konnten aber zusätzlich auch noch bei den Plenar-Sitzungen und ökumenischen Gesprächsrunden mit den anderen Teilnehmenden der Vollversammlung dabei sein. Es war sehr spannend und inspirierend nicht nur theoretisch über Ökumene und die Zukunft des weltweiten Christentums nachzudenken, sondern dabei durch die bunte Zusammensetzung der Veranstaltungen Ökumene wirklich zu praktizieren und zu erleben.

   

 

 

 

Ermöglicht wurde mir diese ökumenisch sehr lehrreiche Erfahrung durch die großzügige Förderung des EKKW-Ausbildungs- und Ökumene-Referats, die mich beide finanziell unterstützten und entsandten und mir diese Reise dadurch ermöglichten. Die Beantragung solcher Mittel ist wirklich erfreulich unkompliziert, man muss nur entsprechende Nachweise bzw. einen Bericht vorlegen.

 


 

Vom 21. bis 24. Juli 2013 ist eine Gruppe von Mitgliedern unseres Konvents zu einer
Studienreise zum Ökumenischen Rat der Kirchen nach Bossey (Schweiz) gefahren.

Hier eine kurze Zusammenfassung der Eindrücke 

Eine Kapelle ganz aus Stein. Darin einfache Holzstühle. In einem Bücherregal gleich neben dem Eingang stehen Bibeln und Gesangbücher für die Besucher bereit. Neben dem Evangelischen Gesangbuch der Württembergischen Kirche steht eine Bibel in koreanischer Sprache, daneben ein englisches Hymnbook u.s.w. Im Zentrum finden sich Ikonen neben einem einfachen Holzkreuz. Auf dem Altar ein buntgestaltetes Kruzifix. Kerzen und Öllampen, ein Klavier und afrikanische Trommeln.

Wo sich dieses – fast möchte ich sagen – Durcheinander von religiösen Symbolen und Gottesdienstgegenständen befindet? In der Schweiz, genauer gesagt in Bossey. In groben Zügen ist hier der Eindruck geschildert, der sich uns Theologiestudierenden der EKKW darbot, als wir die Kapelle des Ökumenischen Instituts in Bossey betraten. Dies war einer der ersten Höhepunkte auf unserer dreitägigen Studienreise, es sollten weitere Folgen.

Aber vielleicht sollte ich von vorn beginnen. Am 21. Juli 2013 brach eine Gruppe Theologiestudierender der EKKW in Begleitung unserer Ausbildungsreferentin Frau Dr. Regina Sommer und dem Leiter des Studienhauses in Marburg Herrn Dr. Gerhard Neumann in Richtung Bossey auf. Unser Ziel war zunächst das oben erwähnte Ökumenische Institut. Hier können Theologiestudierende aus aller Welt und verschiedener christlicher Denominationen für ein oder zwei Semester an verschiedenen Studienprogrammen teilnehmen. Die Studieninhalte reichen von kirchengeschichtlichen Themen über Bibelstudien bis hin zu Missionswissenschaften, allerdings immer mit einem besonderen interkulturellen und interreligiösen Schwerpunkt. Das Institut und seine Arbeitsfelder wurden uns durch Frau Dr. Dagmar Heller näher gebracht, die neben ihrer Lehrtätigkeit in Bossey auch beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf angestellt ist.

Der ÖRK war das eigentliche Hauptziel unserer Reise. Auf seiner Homepage wird der ÖRK als eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen beschrieben - auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst. Durch verschiedene Vorträge konnten wir blitzlichtartige Einblicke in die Arbeit des ÖRK erhalten und die Worte Einheit, gemeinsames Zeugnis und Dienst mit Inhalt füllen. Zunächst haben wir etwas allgemein zum interreligiösen Dialog erfahren. Es geht dem ÖRK nicht darum „one super faith“ zu kreieren, wie Clare Amos beschrieb, sondern die Vielfalt in dem einen Glauben zuzulassen und gemeinsam Ziele zu verfolgen. Es folgten Vorträge und Gespräche über das sogenannte EAPPI Programm, das sich u.a. für die Vermittlung zwischen Palästinensern und Israelis einsetzt. Weiterhin wurden wir über die Arbeit des ÖRK in Sachen Klimawandel unterrichtet. Die Mitarbeiter dieses Arbeitsbereichs berichteten besonders von einem Teil ihrer Arbeit, in dem sie Versuchen die Gier der Menschen – auch nach Ressourcen – zu bekämpfen. Unsere Referenten kamen u.a. aus England, Südamerika und Indien und hatten die unterschiedlichsten christlichen Prägungen. Somit hatten wir die Möglichkeit die internationale und interkonfessionelle Arbeit des ÖRK vor Ort mitzuerleben.

Internationale Zusammenarbeit konnten wir aber nicht nur bei unseren Besuchen des ÖRK und in Bossey erfahren. Mit dem Besuch des Teilchenbeschleunigers, dem CERN, haben wir Theologiestudierende uns mal auf ein ganz anderes Terrain begeben. Naturwissenschaft und Technik, womit wir in unserm Studium nicht konfrontiert werden. Und doch gab es eine Verbindung. Die Wissenschaftler des CERN versuchen durch ihre Experimente den Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen auf den Grund zu gehen. Das sind Fragen die auch in der Theologie immer wieder gestellt werden. Sicherlich mit anderer Bezugsgröße, aber dennoch war es sehr bereichernd zu erfahren, dass wir nicht die einzigen sind, die sich mit solchen Fragen auseinandersetzen.

Wer nun den Eindruck bekommt, wir hätten uns drei Tage lang mit viel schwerer Kost beschäftigt, der irrt nicht. Dennoch soll hier nicht verschwiegen werden, dass wir uns auch die Stadt Genf ausführlich angesehen haben. Die Stadt wurde uns auf den Spuren des Reformators Johannes Calvin von einer Ur-Genferin auf ihre ganz eigene und spannende Weise nahegebracht.

Beim abendlichen Zusammensein konnten wir die jeweiligen Tagesereignisse noch einmal in gemütlicher Runde Revue passieren lassen und das eventuell entstandene interreligiöse und interkulturelle Chaos im Kopf ordnen. Als Hilfestellung und gutes anschauliches Beispiel diente sicherlich auch die Kapelle in Bossey, in der viele Konfessionen in einem Raum gemeinsam Gottesdienst feiern können.

von Anna Imhof